Bei der Tour de France 2026 fahren immer mehr Profis kürzere Kurbeln (160–170 mm). Was hinter dem Trend steht – und was ambitionierte Radsportler biomechanisch daraus lernen können.
Kurze Antwort: Bei der Tour de France 2026 fahren immer mehr Profis Kurbellängen von 160–170 mm statt der klassischen 172,5–175 mm. Für ambitionierte Hobbyfahrer bedeutet das nicht automatisch „kürzer ist besser", sondern: Die Kurbellänge ist ein biomechanischer Hebel, der Hüftöffnung, Kniewinkel und aerodynamische Position beeinflusst – und nur im Zusammenspiel mit Sattelhöhe, Kniemechanik, Cleat-Position und Fußstabilität im Rennradschuh sinnvoll bewertet werden kann.
Was bei der Tour de France 2026 auffällt
Journalistische Beobachtungen von den ersten Etappen (u. a. BikeRadar, Rennrad-News, TOUR-Magazin) zeigen einen klaren Trend: Tadej Pogačar fährt 165 mm, Jonas Vingegaard 160 mm, mehrere weitere GC-Fahrer bewegen sich im Bereich 160–170 mm. Vor wenigen Jahren galt 172,5 mm als Standard, 175 mm bei größeren Fahrern als selbstverständlich.
Der Wechsel ist kein Marketing-Effekt, sondern eine Konsequenz aus der aerodynamischen Entwicklung im Profi-Radsport: flachere Oberkörper, engere Lenker, tiefere Sitzpositionen. Damit steigt die Anforderung an die Hüftöffnung im oberen Totpunkt – und genau hier setzt eine kürzere Kurbel an.
Biomechanische Wirkung kürzerer Kurbeln
Eine kürzere Kurbel verändert vor allem drei Winkel im Tretzyklus:
- Kniewinkel im oberen Totpunkt (12-Uhr-Position): öffnet sich – das Knie wird weniger stark angezogen.
- Hüftflexion: reduziert sich – der Oberkörper kann tiefer positioniert werden, ohne dass die Hüfte in Endstellung „einklemmt".
- Trittfrequenz: steigt tendenziell, weil der Kreisdurchmesser des Pedals kleiner ist.
Die publizierte Studienlage (u. a. Barratt 2016; Ferrer-Roca et al. 2017; Macdermid & Edwards 2010) zeigt: Bei gesunden Radsportlern ist die maximale Leistung über Kurbellängen zwischen ca. 145 und 195 mm weitgehend stabil – solange Sattelhöhe und Sitzposition angepasst werden. Kürzere Kurbeln erzeugen also nicht automatisch mehr Watt, aber sie eröffnen Positionen, die vorher biomechanisch nicht sauber möglich waren.
Was das für ambitionierte Radsportler heißt
Ein direkter Wechsel von 172,5 mm auf 165 mm ist selten die richtige Antwort. Sinnvoll wird das Thema, wenn eine der folgenden Situationen zutrifft:
- Hüftbeugerbeschwerden oder Engegefühl im oberen Totpunkt bei aerodynamischer Position.
- Zeitfahr- oder Triathlonposition, in der die Hüfte sichtbar „aufgeht" und der Rücken kippt.
- Wiederkehrende Knieprobleme trotz korrekter Sattelhöhe und Cleat-Position.
- Sehr kurze Beininnenlänge im Verhältnis zur Körpergröße (klassisch ≤ 78 cm).
Wer keine dieser Situationen erlebt, gewinnt durch einen Kurbeltausch in der Regel weder messbar Leistung noch Komfort – wohl aber Anpassungsaufwand am gesamten Setup.
Warum die Kurbel nicht isoliert betrachtet werden darf
Jede Änderung an der Kurbellänge verschiebt die Kraftlinie durch Fuß, Cleat, Sohle und Pedalachse. Eine kürzere Kurbel verkleinert den Hebel – die Kraft, die pro Pedalumdrehung übertragen wird, verteilt sich auf einen kleineren Kreis. Damit wird die Qualität der Kraftübertragung im Kontaktpunkt Fuß/Schuh entscheidender, nicht unwichtiger. Eine stabile Fußführung – z. B. über eine individuell angepasste Carboneinlage – kann in dieser Konstellation den Unterschied zwischen sauberer und schlurfender Kraftübertragung ausmachen.
Konkret betroffen sind:
- Sattelhöhe: muss um die Kurbellängen-Differenz angehoben werden (bei –5 mm Kurbel: +5 mm Sattel).
- Sattelposition (Setback): häufig muss der Sattel leicht vorrücken, um den Kniewinkel über der Pedalachse zu halten (KOPS).
- Cleat-Position: die Achse Fuß–Pedal bleibt die zentrale Referenz; jede Winkeländerung an Kurbel und Sattel verändert auch die Belastung im Vorfuß.
- Fußstabilität: in tieferer Position kippt der Fuß leichter nach innen (Pronation) oder außen – eine stabile Führung im Schuh wird biomechanisch wichtiger.
Praktische Reihenfolge im Bikefitting
- Ist-Position vermessen (Sattelhöhe, Setback, Sattel-Lenker-Distanz, Cleat-Position).
- Beschwerden und Ziele klären: Aerodynamik, Ausdauer, Zeitfahren, Beschwerdefreiheit.
- Fußstabilität und Druckverteilung im Schuh prüfen – erst dann Kurbel oder Cleat verändern.
- Kurbellänge nur ändern, wenn Position und Beschwerdebild dies rechtfertigen.
- Nach dem Wechsel: Sattelhöhe, Setback und Cleat neu einstellen und mindestens 2–4 Wochen adaptieren.
Fazit
Kürzere Kurbeln im Profipeloton sind ein sichtbares Zeichen dafür, wie eng Aerodynamik, Hüftöffnung und Fußposition heute zusammengedacht werden. Für ambitionierte Radsportler ist die entscheidende Frage nicht „welche Länge fährt Pogačar", sondern „welche Länge passt zu meiner Anatomie, meiner Position und meinen Beschwerden". Die Antwort entsteht im vollständigen Bikefitting – von der Hüfte bis in den Vorfuß.
Häufige Fragen
Bringt eine kürzere Kurbel mehr Leistung?
Nach aktueller Studienlage ist die maximale Leistung über einen weiten Kurbellängen-Bereich stabil. Leistungsgewinne entstehen nicht durch die Kurbel selbst, sondern durch die Position, die sie ermöglicht.
Ab welcher Körpergröße lohnt sich das Nachdenken über 160–165 mm?
Es gibt keinen festen Schwellenwert. Beininnenlänge, Hüftmobilität und Sitzposition sind aussagekräftiger als die Körpergröße.
Muss ich beim Kurbelwechsel Sattel und Cleats anpassen?
Ja. Sattelhöhe, Setback und häufig auch die Cleat-Position müssen im gleichen Fitting mitverändert werden.
Was hat die Kurbellänge mit dem Fuß zu tun?
Die Kraft wird über den Fuß auf das Pedal übertragen. Ändert sich die Kurbel, ändern sich Kniewinkel und Druckverteilung im Schuh – Fußstabilität wird damit ein Teil der Rechnung, nicht ein Zusatz.
Quellen
- Barratt PR et al. (2016). Effect of crank length on joint-specific power during maximal cycling. Medicine & Science in Sports & Exercise.
- Ferrer-Roca V et al. (2017). Effects of crank length on economy and pedaling technique of trained cyclists. International Journal of Sports Physiology and Performance.
- Macdermid PW, Edwards AM (2010). Influence of crank length on cycle ergometry performance of well-trained female cross-country mountain bike athletes. European Journal of Applied Physiology.
- Tour-de-France-Berichterstattung 2026 (BikeRadar, Rennrad-News, TOUR-Magazin).
Finde die richtige Einlegesohle für dich
Unsicher? Starte mit Performance oder Comfort.
Themen:
Das könnte Sie auch interessieren
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie auf unseren Spezialseiten:



